Abschied vom Handball?

11. Mai 2018

Hey ihr Mahomies,

ihr habt es wahrscheinlich schon auf meinem Instagram-Profil oder in meiner Story gesehen:
Ich habe (vorerst) mich entschieden, mit meinem Leistungssport im Handball aufzuhören.


Nach 14 Jahren.

Vierzehn Jahre voller Emotionen, Trainingseinheiten, Spiele, Siege, Niederlagen – und vor allem voller Menschen, Mannschaften, Vereine und Orte, die mich geprägt haben.

Und trotzdem fühlt es sich noch immer ein wenig unreal an, das laut auszusprechen.

Allein meine Fahrten zum Training, die Trainingseinheiten selbst und die Spiele am Wochenende haben zusammen etwa 14 Stunden pro Woche ausgemacht. Vierzehn Stunden, die über Jahre hinweg fest zu meinem Leben gehörten.

Und plötzlich sind diese Stunden einfach da.


Frei.

Keine Verpflichtungen mehr.
Kein Training unter der Woche.
Kein Spiel am Wochenende.


Es fühlt sich fast ein bisschen an wie eine Lücke.


Handball war nie nur ein Hobby für mich. Es war ein Teil meines Lebens – ein Teil meiner Identität. Dieser Sport hat meine gesamte Kindheit und Jugend begleitet.

Handball ist ein unglaublich emotionaler Sport. Vor allem aber ist es ein Teamsport. Ein Sport, der nur funktioniert, wenn Menschen zusammenarbeiten, sich gegenseitig vertrauen und füreinander kämpfen.


Man ist selten allein.


Selbst wenn man im Leben manchmal eher ein Einzelgänger ist, gibt einem eine Mannschaft ein Gefühl von Zugehörigkeit. Man gehört dazu. Man wird aufgefangen. Man fühlt sich getragen. Und genau dieses Gefühl habe ich viele Jahre lang erlebt.

Doch in der letzten Saison war vieles anders.


Ein anderes Bundesland.
Eine andere Umgebung.
Eine andere Liga.


Und vor allem: ein anderes Gefühl.


Köln ist eine Stadt mit viel Geschichte, mit Charakter und einer ganz eigenen Atmosphäre. Ich verstehe absolut, warum viele Menschen diese Stadt lieben. Doch ich habe gemerkt, dass ich hier nie wirklich angekommen bin. Mein Studium hat mich nach Köln geführt – eher als eine Art Notlösung, weil ich in Berlin keinen Studienplatz bekommen habe. Aber meine Gedanken sind oft noch woanders.


Im Norden.
Im Osten.


Bei meiner Familie und meinen Freunden in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Manchmal fühlt es sich an, als wäre mein Körper hier – aber mein Herz noch immer dort.


Im Handball durfte ich viele Positionen spielen.

Torwart.
Rechtsaußen.
Rückraumspieler.


Ich konnte viel ausprobieren, viel lernen und mich immer wieder neu entwickeln.

Diese Flexibilität, der Ehrgeiz, die Disziplin, die Ausdauer und vor allem die Teamarbeit haben mich geprägt. Sie haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Und dann war da noch das Laufen.


Ohje.

Wie sehr ich das früher gehasst habe!


Beim Training habe ich oft versucht, mich irgendwie davor zu drücken. Ein bisschen langsamer laufen, ein bisschen früher aufhören – ich war ziemlich kreativ darin. Doch irgendwann, etwa nach fünf Jahren Handball, entdeckte ich plötzlich eine ganz andere Seite daran.


Beim Laufen konnte ich meinen Kopf freibekommen.

Gedanken sortieren.
Stress abbauen.
Einfach nur atmen und weiterlaufen.


So kam ich schließlich auch zur Leichtathletik.


Handball und Leichtathletik – für mich war das eine perfekte Kombination. Drei Jahre lang habe ich beide Sportarten parallel betrieben. Bis zur 12. Klasse. Dann musste ich aus schulischen Gründen mit der Leichtathletik aufhören und konzentrierte mich wieder vollständig auf Handball. Das Laufen blieb trotzdem ein Teil meines Lebens.


Doch zurück zu Köln.

Hier war vieles anders als das, was ich aus meinen vorherigen Vereinen kannte:

  • SV Fortuna ’50 Neubrandenburg
  • SSV von 1863 Stavenhagen
  • Güstrower HV ’94
  • SG Narva Berlin


Ich bin es gewohnt, dass beim Training alle erscheinen. Dass man gemeinsam arbeitet und 100 Prozent gibt. Natürlich gibt es immer Gründe, wenn jemand einmal fehlt – Krankheit, Arbeit oder Studium. Das ist völlig normal. Aber wenn Trainings ständig ausfallen oder Engagement fehlt, verliert der Sport für mich etwas von seiner Bedeutung. Für mich gehört zum Sport auch, dass man sich durch unangenehme Situationen durchbeißt.

Disziplin.
Verpflichtung.
Durchhaltevermögen.

Genau daraus entsteht Entwicklung. Und genau das habe ich hier manchmal vermisst. Auch die Wärme innerhalb der Mannschaft. Für mich fühlte sich vieles eher kühl und distanziert an. Vielleicht lag es nicht nur am Verein. Vielleicht auch an mir. Vielleicht an meiner eigenen Situation in Köln. Denn wenn man sich in einer Stadt selbst noch fremd fühlt, wirkt vieles automatisch anders.


In einer fremden Stadt zu leben und zu studieren kann aufregend sein. Neue Menschen, neue Erfahrungen, neue Perspektiven.

Aber ich habe auch gemerkt, wie wichtig sozialer Halt für mich ist.

Meine Erfahrungen im Leben haben mich geprägt. Wenn dieser Halt fehlt, fühle ich mich schneller einsam. Natürlich kann ich jederzeit meine Eltern oder meinen besten Freund anrufen. Aber sie sind eben nicht hier.  Sie sind in der Heimat. Und manchmal fehlt einfach dieser alltägliche Kontakt. Die kleinen Gespräche. Die spontanen Treffen.


Diese Situation kenne ich bereits. Nach der 12. Klasse begann ich einmal ein Studium für Grafik- und Kommunikationsdesign in Schwerin. Auch dort lebte ich allein.Nach einem Jahr merkte ich, dass es für mich nicht funktionierte. Ich brach das Studium ab, ging zurück nach Berlin, wiederholte die 12. Klasse und machte schließlich mein Abitur.


Und jetzt sitze ich hier wieder – mit ähnlichen Gedanken.

Mit Zweifeln.
Mit Fragen.

Aber auch mit dem Wunsch, diesmal durchzuhalten.

Noch mindestens fünf Semester liegen vor mir, bevor ich meinen Bachelorabschluss in der Tasche habe.

Und dann – so hoffe ich – führt mich mein Weg wieder zurück nach Berlin.


Jetzt muss ich erst einmal lernen, mit meiner neu gewonnenen freien Zeit umzugehen.

Vierzehn Stunden pro Woche. Das ist mehr, als man denkt. Und ehrlich gesagt: Es ist gar nicht so einfach, plötzlich so viel Raum im Leben zu haben.


Aber eines möchte ich auch klar sagen:
Ganz abgeschlossen habe ich mit dem Handball noch nicht.

Die Lust auf den Sport ist nämlich immer noch da – vielleicht nur in einer anderen Form als früher. Im Moment halte ich weiterhin die Augen offen und schaue mich nach einem Verein um, der wirklich zu mir passt.


Das Problem ist nur: Die interessanteren Vereine liegen meistens auf der komplett anderen Seite der Stadt. Von Köln-Frechen, wo ich wohne, bis dorthin braucht man teilweise eine halbe Ewigkeit. Gerade wenn Trainingseinheiten spät am Abend stattfinden, wird so eine Strecke schnell zur Herausforderung. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf.


Vielleicht finde ich noch eine Mannschaft, bei der ich mich wieder genauso wohlfühle wie früher – eine Mannschaft, bei der nicht nur der Sport zählt, sondern auch das Miteinander.

Bis dahin versuche ich, die neue Freiheit in meinem Alltag anzunehmen.

Vielleicht ist genau dieser freie Raum gerade notwendig, um herauszufinden, wohin mich mein Weg als Nächstes führt.


Bis zum nächsten Mal, ihr Mahomies.

Euer Tony