Wenn Gedanken plötzlich wieder laut werden

15. Mai 2018

Manchmal reicht ein Lied, ein ruhiger Moment oder ein Abend allein – und plötzlich tauchen Erinnerungen auf, von denen man dachte, sie längst irgendwo im Herzen abgelegt zu haben.

Der 1. April 2011 ist für mich so ein Datum.


Ein Tag, der mein Leben irgendwie in zwei Teile geteilt hat: davor und danach. An diesem Tag starb mein Vater. Und auch wenn das Leben natürlich weitergeht – seitdem fühlt sich manches anders an. Nicht unbedingt schlechter, aber anders. Als hätte sich etwas verschoben.

Natürlich habe ich versucht, nach vorne zu schauen. Man funktioniert einfach. Man geht zur Schule, trifft Freunde, macht Sport. Nach außen wirkt alles normal.


Doch innerlich fühlte sich vieles leer an.


Monate vergingen, und immer wieder fiel ich in diese Traurigkeit zurück. Ich merkte, dass etwas fehlte – mein Vater, seine Nähe, seine ruhige Art.


Und noch etwas fehlte: Schweden.


Meine zweite Heimat.


Früher bedeutete das regelmäßige Besuche, gemeinsame Urlaube und vertraute Momente. Plötzlich war das alles nicht mehr selbstverständlich.

Meine Eltern hatten sich schon getrennt, als ich noch ein Kind war. Trotzdem fühlte ich mich sowohl bei meinem Vater als auch bei meiner Mutter geborgen. Familie war für mich immer ein wichtiger Halt.


Aber wenn ich bei meinem Vater war, fühlte sich vieles besonders leicht an. Ruhiger. Unkomplizierter.

Rückblickend war diese Zeit wahrscheinlich eines der größten Geschenke meiner Kindheit.


Und dann war da plötzlich diese Lücke.

Eine Lücke, die man nicht einfach ersetzen kann.


Auch meine Schulzeit war nicht immer einfach.


In meiner früheren Schule in Neubrandenburg musste ich einiges durchmachen. Mobbing, Ableismus und immer wieder Situationen, in denen mein Nachteilsausgleich wegen meiner Hörschädigung nicht ernst genommen wurde. Manche Lehrer verstanden meine Situation nicht – oder wollten sie nicht verstehen. Auch unter Mitschülern war es nicht immer leicht. Anders zu sein reicht manchmal schon aus, um ausgegrenzt zu werden.


Diese Zeit hat mich mental sehr geprägt.


Irgendwann wechselte ich schließlich die Schule.


Ich ging von Neubrandenburg nach Güstrow, auf eine Schule für Hörgeschädigte.

Und dort begann für mich tatsächlich ein neues Kapitel.


Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich verstanden zu werden. Die Lehrer kannten die Herausforderungen, mit denen wir als hörgeschädigte Schüler leben. Sie wussten, worauf es ankommt.


Vor allem aber glaubten sie an uns.

Und auch an mich.


Dort begann ich langsam wieder an mich selbst zu glauben.


Ich fand Freunde, fühlte mich akzeptiert und konnte mich endlich mehr auf meine Stärken konzentrieren, statt ständig gegen meine Schwächen kämpfen zu müssen.


Es war, als hätte jemand zum ersten Mal gesagt:
„Du schaffst das.“


Und genau dieses Gefühl kann unglaublich viel verändern.

Doch kurz nachdem sich mein Leben dort stabilisiert hatte, kam dieser Tag.

Der 1. April 2011.

Die Nachricht vom Tod meines Vaters erreichte mich auf der Rückfahrt von einer Klassenfahrt.

Ich war erst 17 Jahre alt.


Trotz allem ging das Leben weiter.


Von Güstrow führte mein Weg später nach Berlin, wo ich mein Abitur machte.

Für mich war das ein großer Schritt. Berlin war größer, lauter, vielfältiger – und gleichzeitig unglaublich aufregend.


Eine neue Stadt.
Neue Menschen.
Neue Möglichkeiten.


Doch ein Neuanfang bedeutet nicht automatisch, dass alles plötzlich leicht wird. Man nimmt seine Erfahrungen ja mit.

Während dieser Zeit begann ich mich auch intensiver mit meiner Sexualität auseinanderzusetzen. Mein Coming-out passierte nicht so, wie ich es mir irgendwann einmal vorgestellt hatte. Meine Mutter erfuhr davon eher plötzlich und ungeplant.

Auch das beschäftigte mich innerlich sehr.


In Berlin begann für mich eine neue Phase meines Lebens.


Ich lebte mein Leben, traf Menschen, ging aus und versuchte neue Erfahrungen zu machen. Gleichzeitig suchte ich – wie viele junge Menschen – nach Nähe, nach Liebe und nach jemandem, der wirklich zu mir passt. Doch ich merkte schnell, dass auch das nicht immer einfach ist. Berlin gilt als offene Stadt, besonders innerhalb der LGBTQ+-Community.

Trotzdem habe ich auch dort Ablehnung erlebt. Viele Männer aus der schwulen Szene konnten oder wollten mit meiner Hörschädigung nicht wirklich umgehen. Für sie war es oft einfacher, sich abzuwenden, als sich darauf einzulassen.


Das hat mich manchmal verunsichert.


Ich stellte mir viele Fragen:


Bin ich gut genug?
Warum reicht es nicht, so wie ich bin?
Was könnte ich besser machen?

Vielleicht mein Aussehen?
Meinen Kleidungsstil?
Meine Ausstrahlung?


Gerade in Clubs oder auf Partys war es für mich oft schwierig, Menschen kennenzulernen. Die laute Musik und die vielen Geräusche machten Gespräche anstrengend.

Und mein Selbstbewusstsein war zu dieser Zeit auch nicht besonders stark.


In dieser Zeit begann ich viel zu laufen.

Am Anfang war das nur ein Versuch, meinen Kopf freizubekommen. Doch irgendwann merkte ich, dass mir das wirklich hilft.


Gedanken sortieren.
Stress abbauen.
Einfach weiterlaufen.


Sport war für mich schon immer ein wichtiger Ausgleich. Handball spielte dabei eine große Rolle. Doch besonders in der 11. und 12. Klasse passierte etwas mit mir.

Am Nachmittag konnte alles noch leicht sein: Kino mit Freunden, gemeinsames Essen, meine Zeit als Model, kleine Abenteuer des Alltags. Doch abends, wenn Ruhe einkehrte, kamen plötzlich Gedanken und Erinnerungen hoch, die ich tagsüber erfolgreich verdrängt hatte.


Dann lag ich da und wusste manchmal nicht genau, wie es weitergehen sollte.


Erst in der 12. Klasse erzählte ich eines Abends meiner Erzieherin im Internat davon. Sie hörte mir aufmerksam zu und empfahl mir, eine psychologische Beratung aufzusuchen. Es kostete mich Mut, diesen Schritt zu gehen. Doch ich tat es. Ich lernte eine Psychologin kennen und begann, sie regelmäßig einmal pro Woche zu besuchen. In Kombination mit ärztlicher Betreuung begann sich langsam etwas zu verändern. Es wurde nicht plötzlich alles gut.

Aber mein Blick auf viele Dinge wurde weiter. Mein Horizont öffnete sich ein Stück.


Später begann ich ein Studium für Grafik- und Kommunikationsdesign in Schwerin.

Kurz vor Studienbeginn besuchte ich meine Oma.


Ich erzählte ihr voller Freude von meinem Studienplatz und versprach ihr, sie trotz des Studiums regelmäßig zu besuchen.


Meine Oma hatte selbst eine schwere Zeit hinter sich. Nach dem Tod meines Vaters war sie zunächst völlig aus der Bahn geraten. Doch langsam kämpfte sie sich zurück ins Leben.

Ich war unglaublich stolz auf sie. Doch dann kam wieder eine Nachricht, die alles veränderte.

Meine Oma ist friedlich eingeschlafen. Und wieder war da dieses Gefühl der Leere.

Wieder keine Möglichkeit, sich zu verabschieden. Genau wie bei meinem Vater.


Schließlich führte mich mein Weg zurück nach Berlin, wo ich mein Abitur machte.

Rückblickend waren diese Jahre einige der schönsten meines Lebens.


Modeljobs.
Misterwahlen.
Neue Projekte.

Viele besondere Momente.


Danach blieb ich noch ein Jahr in meiner Heimatstadt und absolvierte einen Bundesfreiwilligendienst an meiner alten Sprachheilschule.

Diese Zeit tat mir unglaublich gut.


Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Familie, vertiefte die Freundschaft zu meinem besten Freund und spielte wieder intensiv Handball.

Es fühlte sich an, als würde sich mein Leben langsam wieder sortieren.


Und heute?

Heute lebe ich in Köln.

Anfangs war ich sehr glücklich: eine eigene Wohnung, ein Studienplatz und neue Möglichkeiten. Doch mit der Zeit merkte ich, dass sich vieles fremd anfühlte.

Freunde zu finden fiel mir nicht leicht. Auch mit meiner Handballmannschaft fühlte ich mich irgendwann nicht mehr wirklich verbunden.


Vor zwei Wochen habe ich mich schließlich vom Handball verabschiedet. Das war kein einfacher Schritt. Seitdem bin ich nach der Uni oft allein unterwegs. Besonders gern sitze ich im Kaffeefleck in der Mayerschen Buchhandlung am Neumarkt. Manchmal sind diese kleinen Gespräche dort schon genug, um sich für einen Moment weniger allein zu fühlen.

Den Rest der Zeit verbringe ich häufig zu Hause – mit YouTube, Instagram, Shows oder Uni-Vorbereitung.


Und manchmal mit Gedanken.


Gedanken an Berlin.
An Neubrandenburg.
An Schweden.

An eine Zeit, die sich manchmal leichter angefühlt hat.

Letzte Woche habe ich mich für einen Nebenjob beworben und durfte zwei Tage später bereits zur Probearbeit kommen.


Vielleicht bringt das etwas mehr Struktur in meinen Alltag. Außerdem läuft mein Mietvertrag im Oktober aus. Dann möchte ich umziehen – in eine größere Wohnung, mit einer richtigen Küche und einfach mehr Raum zum Leben.


Manchmal hilft es einfach, die Gedanken aufzuschreiben.

Um den Kopf wieder ein bisschen freier zu bekommen.

Meine neun Schaumküsse sind inzwischen übrigens auch verschwunden.

Und irgendwie fühle ich mich tatsächlich ein kleines bisschen besser – trotz der ganzen Kilokalorien.


Bis zum nächsten Blog.

xoxo
Tony Mahomie