Der Mythos vom perfekten Body
02. August 2018
Wenn ich von Körper-Vielfalt spreche, geht es mir nicht in erster Linie um Vielfalt im klassischen Sinne von Herkunft, Kultur oder Nationalität.
Natürlich gehört auch das dazu. Aber in diesem Zusammenhang meine ich etwas anderes: die
Vielfalt menschlicher Körper.
Denn jeder Körper ist anders.
Manche Menschen haben mehr Brust, andere weniger. Manche Körper wirken sehr symmetrisch, andere nicht. Der Körperfettanteil kann unterschiedlich sein, genauso wie die Proportionen von Armen, Beinen oder Schultern.
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie ein menschlicher Körper aussehen kann.
Und genau das macht Körper so vielfältig.
Natürlich könnte man sagen, dass auf zwei Bildern niemals genug Vielfalt dargestellt werden kann. Wenn ich wirklich jede Form von körperlicher Vielfalt vollständig und fehlerfrei zeigen wollte, müsste ich – ganz ehrlich – wahrscheinlich alle Menschen dieser Welt abbilden.
Denn jeder Körper erzählt seine eigene Geschichte.
Mit den beiden Bildern, über die zuletzt diskutiert wurde, wollte ich deshalb keine vollständige Darstellung liefern. Sie sollten lediglich ein kleines, allgemeines Beispiel für das Thema „Body Diversity“ sein – ein Ausschnitt aus einer viel größeren Realität.
Bevor jetzt allerdings jemand auf die Idee kommt, mir vorzuwerfen, ich würde Vielfalt falsch darstellen oder Menschen ausschließen, möchte ich eines klarstellen:
Genau das war nie meine Absicht.
Vielfalt bedeutet nicht nur unterschiedliche Herkunft oder kulturelle Hintergründe. Vielfalt zeigt sich auch in Körpern, in individuellen Merkmalen und in ganz persönlichen Lebensrealitäten.
Und genau darum ging es mir.
Auslöser für diese Gedanken war ein Bild, das während des Christopher Street Day in Berlin entstanden ist. Ein spontanes Polaroidfoto bei Urban Outfitters, aufgenommen von meinem Lieblingsmenschen aus Berlin, @thecandycrash.
Auf diesem Bild sieht man unter anderem meinen Bauch – durch viele Jahre Sport relativ definiert.
Was ich allerdings nicht erwartet hatte: Ausgerechnet dieser Bauch wurde plötzlich zum Gesprächsthema.
Unter anderem schrieb jemand unter das Bild:
„Das ist kein Sixpack, ich sehe da nur Fett.“
Der Kommentar hat mich ehrlich gesagt nicht verletzt. Mein Selbstbewusstsein ist stabil genug, um mit solchen Aussagen umgehen zu können.
Was mich vielmehr beschäftigt hat, war eine andere Frage:
Warum schreibt jemand so etwas überhaupt?
Was bringt einen Menschen dazu, den Körper eines anderen Menschen öffentlich zu bewerten?
Vielleicht liegt die Antwort in einer Kultur, die wir alle – bewusst oder unbewusst – mitgestalten: einer Kultur der ständigen Bewertung von Körpern.
Gerade auf Social Media entsteht schnell der Eindruck, dass bestimmte Körper als „ideal“ gelten. Extrem definierte Bauchmuskeln. Perfekt inszenierte Fotos. Körper, die oft das Ergebnis sehr strenger Trainingsprogramme, Diäten oder sogar kosmetischer Eingriffe sind.
Diese Bilder bekommen tausende Likes.
Und sie prägen – oft ohne dass wir es merken – unsere Wahrnehmung.
Auch ich war davon nicht immer frei.
Es gab Zeiten, in denen ich meinen Körper sehr kritisch betrachtet habe. Zeiten, in denen ich mich mit anderen verglichen habe. Besonders dann, wenn ich Bilder von extrem durchtrainierten Körpern gesehen habe.
Dann kamen Fragen auf wie:
Bin ich eigentlich sportlich genug?
Sehe ich sportlich genug aus?
Müsste mein Körper nicht eigentlich anders aussehen?
Solche Gedanken entstehen schneller, als man denkt – selbst dann, wenn man rational weiß, dass Social Media nur einen kleinen Ausschnitt der Realität zeigt.
In der schwulen Szene wird dieses Thema oft noch einmal intensiver.
Ich habe dort viele positive Erfahrungen gemacht und viele inspirierende Menschen kennengelernt. Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, wie stark das äußere Erscheinungsbild manchmal im Mittelpunkt steht.
Körper werden verglichen.
Bewertet.
Sortiert.
Der Körper wird schnell zu einer Art Eintrittskarte. Wer in bestimmte Kategorien passt, bekommt Aufmerksamkeit. Wer nicht hineinpasst, wird schneller übersehen.
Das kann verunsichern.
Gerade in einer Phase, in der man ohnehin versucht herauszufinden, wer man eigentlich ist.
Auch ich habe mich damals oft gefragt, ob ich „genug“ bin. Ob mein Körper so akzeptiert wird, wie er ist. Oder ob ich etwas verändern müsste.
Mehr trainieren.
Anders aussehen.
Anders wirken.
Heute weiß ich, dass viele Menschen solche Gedanken kennen.
Der Unterschied ist nur, dass manche darüber sprechen – und andere nicht.
Mein eigener Körper ist übrigens nicht das Ergebnis eines gezielten Sixpack-Trainings.
Er ist vor allem das Resultat von vielen Jahren Handball. Zwölf Jahre intensiver Teamsport, Athletiktraining und Bewegung haben ihn geprägt.
Aber selbst wenn das nicht so wäre, würde das nichts an meinem Wert als Mensch ändern.
Kürzlich habe ich einen Satz gelesen, der mir in diesem Zusammenhang sehr im Kopf geblieben ist:
Den Körper kann man trainieren – den Charakter nicht.
Mir ist bewusst, dass Menschen meinen Körper unterschiedlich wahrnehmen.
Manche finden ihn sportlich.
Andere sagen vielleicht: „Ganz nett.“
Wieder andere mögen grundsätzlich weichere Körperformen.
Und das ist vollkommen in Ordnung.
Geschmäcker sind verschieden.
Was mich allerdings stört, ist etwas anderes.
Sobald wir anfangen, Menschen in Kategorien wie
„perfekter Körper“,
„sportlich genug“
oder
„nicht attraktiv genug“
einzuordnen, entstehen automatisch Schubladen.
Und genau solche Schubladen können verletzend sein.
Viele Menschen hören im Alltag immer wieder Sätze wie:
„Du bist zu dick.“
„Nimm doch lieber die fettarme Variante.“
„Das ist doch deine eigene Schuld.“
Solche Aussagen sind oft gedankenlos – aber sie können trotzdem verletzen.
Dabei ist die Realität eigentlich ganz simpel:
Jeder Mensch hat Bauchmuskeln.
Bei manchen sind sie sichtbar.
Bei anderen nicht.
Und das ist völlig normal.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob jemand ein Sixpack hat.
Die entscheidende Frage ist, ob ein Mensch sich in seinem eigenen Körper wohlfühlen kann, ohne ständig bewertet zu werden.
Social Media vermittelt uns oft ein anderes Bild.
Doch im echten Leben zählen andere Dinge.
Im Alltag – und auch im Berufsleben – zählen Zuverlässigkeit, Empathie, Persönlichkeit und Charakter.
Nicht, wie jemand unter seinem T-Shirt aussieht.
Falls meine oberkörperfreien Bilder auf Instagram bei manchen Menschen den Eindruck erweckt haben sollten, ich wolle meinen Körper über andere stellen, dann tut mir das leid.
Das war nie meine Absicht.
Niemand ist perfekt – auch ich nicht.
Ich habe meine eigenen Unsicherheiten, meine eigenen Fragen und meine eigenen Baustellen.
Aber vielleicht gehört genau das auch zur Vielfalt.
Vielfalt bedeutet nicht nur, Unterschiede zu akzeptieren.
Vielfalt bedeutet auch, Menschen in ihrer Würde ernst zu nehmen.
Authentizität ist für mich wichtiger als Perfektion.
Oder anders gesagt:
One of us – ich akzeptiere dich.