GNTM:
Zwischen Storyline und Realität

20.05.2026

Manchmal frage ich mich, wie viele Menschen eigentlich wirklich verstehen, was Reality-TV mit einem Menschen machen kann. 

Nicht wegen der Kameras. Nicht wegen der Shootings. Nicht wegen der Öffentlichkeit.

Sondern wegen diesem komischen Gefühl die ich habe, gleichzeitig sichtbar sein und trotzdem missverstanden zu sein.

Weil Menschen am Ende oft nur Ausschnitte sehen. Ein paar Minuten Fernsehen. Ein paar Kommentare. Ein paar Reaktionen. Und daraus entsteht dann plötzlich ein komplettes Bild über dich als Mensch, über deine Leistung, deine Persönlichkeit oder deinen Wert.

Dabei gibt es so viele Gespräche, Momente und Situationen, die nie gezeigt werden.

Und vielleicht ist genau das manchmal das Schwierigste daran.

Wenn ich heute auf diese ganze Reise zurückblicke, verstehe ich viele Aussagen von Nyle DiMarco nochmal ganz anders. Für alle, die ihn nicht kennen: Er war der erste gehörlose Gewinner von America’s Next Top Model. Und ehrlich? Er war mit einer der Gründe, warum ich überhaupt den Mut hatte, mich bei GNTM zu bewerben.

Weil ich damals zum ersten Mal jemanden gesehen hatte, bei dem ich nicht das Gefühl hatte, „zu anders“ zu sein für diese Branche.

Jemand, der gezeigt hat, dass Präsenz, Ausstrahlung, Fashion, Editorial und Persönlichkeit nicht davon abhängen, ob du hören kannst oder nicht.

Und genau deshalb haben mich seine späteren Aussagen über Reality-TV auch getroffen. Weil ich manche Dinge einfach verstanden habe.

Oft wird im Fernsehen versucht, möglichst emotionale Geschichten zu erzählen. Und natürlich verstehe ich das auch, warum die Produktionen das machen. Emotionen binden Menschen. Storylines sind wichtig. Aber auch Aufklärung ist super wichtig. Gerade bei Themen wie Gehörlosigkeit, damit Menschen überhaupt verstehen, wie Kommunikation, Wahrnehmung oder bestimmte Situationen funktionieren.

Denn wenn solche Dinge gar nicht gezeigt werden, entstehen oft noch mehr Spekulationen von außen. Menschen urteilen dann über Situationen, obwohl sie nie das komplette Bild gesehen haben.

Und genau da wird es manchmal schwierig.

Weil Zuschauer am Ende vielleicht 5 Minuten von einem Casting sehen. Oder nur einen Ausschnitt von einem Walk. Aber sie sehen oft nicht die kompletten Gespräche davor oder danach. Nicht die persönlichen Briefings. Nicht die One by One Gespräche zwischen mir und einem Designer, Kunden oder der Jury. Nicht die Rückmeldungen hinter den Kulissen. Nicht die Momente, die gar nicht ausgestrahlt werden.

Und dadurch entsteht manchmal ein verzerrtes Bild.

Menschen hören vielleicht nur einen kurzen Kommentar im TV und denken dann, sie könnten komplett beurteilen, wie jemand läuft, posed oder gearbeitet hat. Sie ranken Kandidaten, geben Feedback oder sprechen über Leistungen, obwohl sie oft gar nicht wissen können, wie die gesamte Situation wirklich war.

Und ich glaube, wenn man selbst vor Ort ist, hat man oft nochmal ein komplett anderes Verständnis dafür als später beim Zuschauen im Fernsehen.

Weil du in diesem Moment nicht einfach nur „eine Szene“ drehst. Du bist mitten drin. Du spürst die Atmosphäre. Die Anspannung. Die Aufregung. Die Ernstzunehmendheit dieses Jobs als Model. Du stehst plötzlich vor Designern, Kunden oder Menschen aus der Fashionbranche, die du vielleicht vorher nur aus Magazinen oder Social Media kanntest. Du trägst Kollektionen, die teilweise Monate vorher vorbereitet wurden. Du bewegst dich ständig in neuen Situationen, neuen Städten, neuen Challenges, neuen Arbeitsumfeldern.

Und genau das erzeugt auch einen gewissen Vibe vor Ort, den Zuschauer zuhause niemals komplett fühlen können.

Dieses Kribbeln vor einem Walk. Die Nervosität vor einem Casting. Die Spannung, welche Challenge als Nächstes kommt. Die Gedanken davor. Die Gespräche danach. Das alles passiert gleichzeitig.

Und manchmal sieht man im TV davon am Ende nur 20 Sekunden.

Vor allem, weil die Sendung ja schon längst abgedreht ist, während sie ausgestrahlt wird. Das heißt: Du sitzt Monate später zuhause, liest Kommentare, Diskussionen oder Kritiken über Momente, die du selbst längst verarbeitet hast. Und gleichzeitig willst du dich auch nicht ständig rechtfertigen oder erklären müssen.

Manchmal hörst du dann später positives Feedback von Kunden, Designern oder Jury-Mitgliedern und fragst dich automatisch:
„Wenn das so war… warum wurde genau das dann nicht direkt gezeigt?“

Und ich glaube, genau dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben, weil du innerlich weißt, was wirklich passiert ist. Du kennst die Gespräche. Die Reaktionen. Die echten Momente. Aber die Öffentlichkeit kennt oft nur die zusammengeschnittene Version davon.

Und das kann einen anfangen lassen, an sich selbst zu zweifeln, obwohl man eigentlich weiß, was man geleistet hat.

Gerade bei GNTM war ich oft weit vorne dabei. Ich habe positive Feedbacks bekommen. Gute Castings gehabt. Jobs bekommen. Dinge geschafft, die man vielleicht gar nicht komplett gesehen hat. Die Reise hat mich dabei auch mental extrem herausgefordert. Und das sage ich als jemand, der aus dem Leistungssport kommt und über viele Jahre Handball gespielt hat. Im Sport lernst du Disziplin, Druck, Konkurrenz und mit Niederlagen umzugehen. Aber Reality-TV bringt nochmal eine andere mentale Ebene mit sich: Du wirst nicht nur bewertet, sondern gleichzeitig auch erzählt.

Und manchmal war genau das hart.

Weil gewisse Bestätigungen nie komplett greifbar wurden. Weil du spürst, dass du Leistung bringst, aber bestimmte Anerkennung nie wirklich „in die Hand bekommst“.

Und gleichzeitig entstehen online auf Social Media Diskussionen und Kommentare darüber, ob meine Gehörlosigkeit vielleicht der Grund sei, warum ich schlechter bewertet werde oder weniger Chancen bekomme. Und genau da merkt man, wie subtil Ableismus manchmal sein kann.

Denn Ableismus ist nicht immer laut. Nicht immer direkte Ausgrenzung oder offensichtlicher Hass. Manchmal passiert er viel leiser. Durch niedrigere Erwartungen. Durch Vorurteile.

Durch dieses unterschwellige Hinterfragen, ob jemand etwas „wirklich kann“.

Oder dadurch, dass Menschen zuerst die Behinderung sehen und erst danach die eigentliche Leistung.

Nicht: „Tony hat einen starken Job gemacht.“

Sondern eher: „Dafür, dass er gehörlos ist, war das stark.“

Und genau dieser Unterschied macht mental mehr mit einem, als viele vielleicht denken.

Und ehrlich gesagt gibt es da noch einen weiteren Gedanken, über den ich lange nachgedacht habe.

Manchmal habe ich das Gefühl, sobald ich offen sage, dass ich gehörlos bin oder eine Hörbehinderung habe, verändert sich bei manchen Menschen direkt etwas im Kopf. Noch bevor sie mich überhaupt richtig kennengelernt haben. Dann entstehen plötzlich Fragen wie:

„Kann er überhaupt richtig hören?“
„Kann man mit ihm arbeiten?“
„Versteht er alles?“
„Ist das am Set vielleicht kompliziert?“


Und genau dort merkt man, wie tief bestimmte Vorurteile gesellschaftlich teilweise noch verankert sind. Es ist nicht unbedingt immer böse gemeint. Aber trotzdem irgendwie da.

Denn oft entsteht automatisch ein bestimmtes Bild im Kopf, sobald Menschen Wörter wie „gehörlos“, „deaf“ oder „schwerhörig“ hören. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass genau dieses Bild Menschen eher abschreckt, noch bevor sie überhaupt gesehen haben, wie ich wirklich arbeite oder kommuniziere. Und ja, auch das ist in gewisser Weise Ableismus.

Weil Menschen dadurch unbewusst anfangen, jemandem weniger zuzutrauen, obwohl sie die Person eigentlich gar nicht kennen.

Und genau dieses Bild möchte ich gerne brechen.

Ich möchte nicht, dass Menschen mich direkt in eine Schublade stecken, bevor sie mich überhaupt persönlich erlebt haben. Bevor sie gesehen haben, wie ich arbeite, wie ich kommuniziere, wie ich laufe, wie ich mich anpasse oder wie professionell ich mit Situationen umgehe.

Denn am Ende wünsche ich mir einfach, zuerst als Mensch und als Model wahrgenommen zu werden — nicht zuerst über die Hörbehinderung definiert zu werden.

Und manchmal kommt noch ein weiterer Punkt dazu:

Reality-TV ist am Ende eben trotzdem eine Show. Natürlich basieren viele Momente auf echten Emotionen und echten Erfahrungen. Aber gleichzeitig hat Fernsehen auch wenig mit der kompletten Realität der Modebranche zu tun. Die Fashionwelt ist oft viel komplexer, strukturierter und manchmal auch härter, als es im TV dargestellt wird. Hinter Castings, Jobs, Shows oder Kampagnen steckt unglaublich viel Planung, Organisation und Kommunikation, die Zuschauer am Ende gar nicht sehen.

Deshalb entsteht online manchmal ein Bild, als wäre alles nur spontan, emotional oder rein auf Unterhaltung aufgebaut. Dabei steckt hinter vielen Dingen viel mehr Professionalität, Arbeit und Ernsthaftigkeit, als Menschen vielleicht denken.

Trotzdem bin ich dankbar für diese Plattform. Wirklich. Weil sie mir Türen geöffnet hat. Ohne GNTM hätten mich viele Menschen niemals kennengelernt. Niemals verstanden, wie ich denke oder wer ich bin. Und gerade die Nachrichten von Menschen, die sich verstanden fühlen oder sich durch meine Reise gesehen fühlen, bedeuten mir unglaublich viel.

Vielleicht wird man im Fernsehen niemals komplett zeigen können, wer ein Mensch wirklich ist.

Vielleicht wird es immer Schnitte, Storylines und verkürzte Momente geben. Vielleicht wird es immer Menschen geben, die urteilen, obwohl sie nie die komplette Situation gesehen haben.

Aber ich glaube trotzdem, dass genau darin etwas Wichtiges liegt: seine eigene Wahrheit nicht zu verlieren.

Denn am Ende weiß ich, welche Gespräche geführt wurden. Welche Feedbacks ich bekommen habe. Welche Leistungen ich gebracht habe. Welche Momente echt waren und welche Gefühle mich getragen oder mental herausgefordert haben.

Und vielleicht muss ich auch gar nicht jedem alles beweisen.

Vielleicht reicht es manchmal einfach, weiter seinen Weg zu gehen. Laut. Sichtbar. Echt.

Nicht als „der gehörlose Kandidat“. Nicht als Storyline. Nicht als Mitleidsgeschichte.


Sondern einfach als Mensch.