Imagine
06. Mai 2017
Ein Deutschland, das niemanden zurücklässt
Manchmal stelle ich mir vor, wie Deutschland aussehen könnte.
Ein Deutschland, in dem die Ehe für alle nicht mehr diskutiert werden muss, sondern selbstverständlich ist. Ein Deutschland, in dem gleichgeschlechtliche Paare heiraten und Kinder adoptieren können, ohne dafür kämpfen zu müssen.
Ein Deutschland, in dem die LGBTQIA-Community nicht diskriminiert, verspottet oder verachtet wird. Ein Deutschland, in dem auch Menschen mit Behinderungen und andere benachteiligte Gruppen nicht am Rand der Gesellschaft stehen, sondern sichtbar, respektiert und unterstützt werden.
Ein Land, in dem Barrierefreiheit und Gleichstellung keine Forderungen mehr sind – sondern Realität.
Was würde sich dadurch verändern?
Würde sich unsere Gesellschaft überhaupt verändern?
Ja.
Sie würde sich verändern.
Und zwar zum Besseren.
Ich kann verstehen, dass manche Menschen mit dieser Vielfalt zunächst konfrontiert sind und sie kritisch hinterfragen. Veränderung kann verunsichern. Doch die entscheidende Frage ist: Welche Vielfalt wird hier eigentlich kritisiert?
Seit Jahrhunderten leben Menschen überall auf der Welt unterschiedlich – mit eigenen Lebensgeschichten, Erfahrungen und Identitäten. Jeder Mensch liebt anders. Jeder wächst anders auf. Jeder entwickelt seine eigene Persönlichkeit.
Und genau diese Vielfalt macht eine Gesellschaft lebendig.
Viele Menschen werden stark durch ihr Elternhaus oder durch gesellschaftliche Strukturen geprägt. Eltern wünschen sich oft, dass ihre Kinder mit denselben Werten, Vorstellungen und Lebensweisen aufwachsen. Das ist menschlich.
Doch manchmal führt genau diese Weitergabe von Überzeugungen dazu, dass alles, was unbekannt ist, plötzlich fremd oder sogar bedrohlich erscheint.
Hinzu kommen Personen oder Gruppen mit großer öffentlicher Stimme. Sie verbreiten Ideologien und präsentieren sogenannte „alternative Fakten“, die in Wirklichkeit oft nichts anderes sind als verzerrte Darstellungen oder bewusste Falschinformationen.
Diese Aussagen werden häufig mit Angstbildern verbunden. Mit Szenarien, in denen behauptet wird, eine offene Gesellschaft würde angeblich unsere Werte zerstören.
Doch wer eine gute Bildung erhält und gelernt hat, kritisch zu denken, erkennt schnell: Viele dieser Argumente stehen auf sehr wackeligen Beinen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Wer klärt eigentlich auf – und wie gut passiert diese Aufklärung?
Tatsächlich werden Einstellungen und Weltbilder oft von Generation zu Generation weitergegeben. Eltern prägen ihre Kinder, so wie sie selbst wiederum von ihren Eltern, politischen Systemen oder religiösen Vorstellungen geprägt wurden.
Doch genau hier liegt auch die Chance für Veränderung.
Wie können wir erreichen, dass junge Menschen – aber auch Erwachsene – ehrlich, umfassend und respektvoll aufgeklärt werden?
Und welche Rolle sollte der Staat dabei spielen?
Schauen wir zum Beispiel nach Saudi-Arabien, wo Homosexualität strafbar ist, Frauen strukturell diskriminiert werden und religiöse Normen viele persönliche Freiheiten einschränken.
Doch selbst dort zeigt sich ein Wandel. Die junge Generation hat Zugang zum Internet, zu sozialen Medien, zu Reisen und zu globalen Perspektiven. Sie sieht, wie Menschen in anderen Teilen der Welt leben – und beginnt, Fragen zu stellen.
Doch wir müssen gar nicht so weit schauen.
Ein Blick nach Skandinavien oder in andere westliche Demokratien reicht bereits.
In vielen dieser Länder sind Gleichstellung, Inklusion, Barrierefreiheit und offene Aufklärung längst Teil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses.
Kinder lernen dort früh, dass Vielfalt normal ist.
Dass Menschen unterschiedlich leben – und dass genau darin eine Stärke liegt.
Wer gut aufgeklärt ist, entwickelt weniger Angst. Weniger Scham. Weniger Vorurteile.
Denn Vorurteile entstehen selten aus Wissen.
Sie entstehen aus Unwissenheit.
Kinder werden nicht mit Hass geboren.
Sie lernen ihn.
Und oft liegt die Verantwortung bei Erwachsenen, die selbst geprägt wurden – von Ängsten, Vorurteilen oder ideologischen Narrativen.
Doch es gibt noch einen anderen Druck unserer Zeit: den medialen Druck.
Werbung, Social Media, Reality-Shows und Schönheitsideale vermitteln uns ständig, wie ein „richtiger Mensch“ angeblich aussehen oder leben sollte.
Dieser Druck kann genauso belastend sein.
Deshalb müssen wir lernen, wieder stärker auf uns selbst zu hören.
Auf unseren Körper.
Auf unsere Gefühle.
Auf unser eigenes Denken.
Wir sollten uns Fragen stellen:
Was ist gut für mich?
Welche Informationen sind glaubwürdig?
Wo möchte ich Verantwortung übernehmen?
Welche Werte will ich vertreten?
In einem Land zu leben, in dem Menschen geschützt und gefördert werden, ist ein enormes Privileg.
Doch echte Sicherheit entsteht erst dann, wenn Rechte auch gesetzlich garantiert sind.
Gesetze schaffen Klarheit.
Und wer gegen sie verstößt, muss mit Konsequenzen rechnen.
Eine Gesellschaft, die Vielfalt akzeptiert, wird nicht schwächer.
Sie wird stärker.
Offenheit, Mut, Menschlichkeit, Toleranz und Barrierefreiheit machen das Leben für alle Menschen leichter.
Das klassische Familienbild – Mutter, Vater und Kind – wird dadurch nicht zerstört.
Es wird lediglich erweitert.
Familie kann auch aus zwei Müttern oder zwei Vätern bestehen. Und Liebe, Fürsorge und Verantwortung unterscheiden sich nicht dadurch, welches Geschlecht die Eltern haben.
Gleichgeschlechtliche Paare können heute – durch medizinische Möglichkeiten oder durch Adoption – ebenso Familien gründen.
Und sie sind genauso fähig, liebevolle Eltern zu sein.
Auch innerhalb heterosexueller Beziehungen gibt es längst keine festen Rollen mehr.
Es gibt Väter, die emotionaler sind als viele Mütter.
Es gibt Frauen, die Karriere machen, während Männer den Haushalt führen.
Es gibt getrennte Eltern.
Es gibt Alleinerziehende.
Familie war noch nie so vielfältig wie heute.
Deshalb sage ich auch klar in Richtung von Organisationen wie „Demo für Alle“ und ihren Vertreterinnen wie Hedwig von Beverfoerde:
Selbstverständlich dürfen sie ihre Meinung äußern. Meinungsfreiheit gehört zu einer Demokratie.
Doch viele ihrer Argumente wirken ideologisch geprägt, unscharf – und oft schlicht veraltet.
Das deutsche Bildungssystem und die gesellschaftliche Diskussion über Vielfalt brauchen dringend eine Modernisierung.
Sexuelle Vielfalt ist kein pädagogisches Problem.
Diskriminierung ist das Problem.
Man braucht keine Studien, um zu erkennen, dass es falsch ist, Menschen wegen ihrer Sexualität, ihrer Behinderung oder ihres Andersseins abzuwerten.
Liebe ist kein ideologisches Projekt.
Liebe ist ein menschliches Gefühl.
Und deshalb richte ich auch ein Wort an jene Mitglieder der LGBTQIA-Community, die sich politisch in Parteien engagieren, die offen gegen sexuelle Vielfalt kämpfen – etwa innerhalb der AfD.
Es wirkt widersprüchlich, Teil einer politischen Bewegung zu sein, die sich gegen die eigene Existenz richtet.
Die Geschichte hat uns bereits mehrfach gezeigt, wohin solche Widersprüche führen können.
Und deshalb sage ich zum Schluss ganz klar:
Ich bin bereit, mich gegen Falschinformationen, gegen Hass und gegen diskriminierende Ideologien zu stellen.
Ich bin bereit, für meine Werte einzustehen.
Nicht für Konsum.
Nicht für Marken.
Nicht für oberflächliche Dinge.
Sondern für Menschenwürde.
Ich bin keine „Minderheit in der Minderheit“.
Ich bin Teil der Vielfalt.
Und Vielfalt – das sind wir alle.
– Veröffentlicht von Tony Eberhardt -
06. Mai 2017 · 16:00 Uhr · Neubrandenburg