Changes – Meine Reise, meine Gedanken, mein Wachstum bei GNTM Part I
06.04.2026
Inspiriert von „Changes“ von YUNGBLUD, sitze ich hier und reflektiere. Über die letzten Wochen. Über das, was war. Über das, was sich verändert hat. Und über das, was ich über mich selbst gelernt habe.
Diese Reise bei Germany’s Next Topmodel war für mich von Anfang an mehr als nur eine Show. Für mich war es ein persönlicher Meilenstein. Schon an Tag 1 habe ich gewonnen – nicht, weil ich weitergekommen bin, sondern weil ich überhaupt dort stehen durfte. Als gehörlose Person. Als jemand, der seinen eigenen Weg geht. Das allein ist für mich bis heute unfassbar und emotional.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war diese Reise alles andere als einfach.
Ich habe Höhen erlebt, die mich getragen haben. Momente, in denen ich mich gesehen, verstanden und gefördert gefühlt habe – besonders durch Heidi Klum und das ganze Team, die mir immer wieder gezeigt haben, dass ich hier dazugehören darf. Dass Rücksicht möglich ist. Dass Inklusion nicht nur ein Wort ist, sondern gelebt werden kann.
Aber es gab auch Tiefen. Situationen, die mich gefordert haben. Konfrontationen, die mich beschäftigt haben. Momente, in denen ich unsicher war, in denen ich mich gefragt habe:
„War das jetzt richtig?“
„Habe ich die Situation richtig verstanden?“
„Warum fühlt sich das gerade so unangenehm an?“
Und genau da beginnt mein persönlicher „Change“.
Ich habe gemerkt, dass ich ein Mensch bin, der schwer in eine Schublade passt. Ich bin nicht einfach introvertiert. Aber auch nicht klassisch extrovertiert. Für mich trifft am ehesten „otrovertiert“ zu.
Nicht als Definition – sondern als Gefühl.
Ich bin jemand, der in den richtigen Momenten komplett aufblüht. In 1:1 Gesprächen. In kleinen Gruppen. Wenn es tief wird. Wenn es ehrlich wird. Wenn man wirklich hinschaut und nicht nur oberflächlich redet. Dann bin ich präsent, offen, laut in meiner eigenen Art.
Aber in großen Gruppen, in lauten Runden, in Situationen, in denen viele Gespräche gleichzeitig laufen – ziehe ich mich zurück. Nicht, weil ich nicht will. Sondern weil ich anders verarbeite.
Und genau da kommt etwas ins Spiel, was viele vielleicht gar nicht kennen – das sogenannte „Dinner Table Syndrome“.
Stell dir vor: 20 bis 25 Menschen an einem Tisch. Gespräche kreuzen sich. Jemand lacht links, rechts fällt ein Kommentar, gegenüber wird diskutiert. Für viele ist das normal. Für viele ist das einfach ein lebendiger Moment.
Für mich ist es ein kompletter Ausnahmezustand.
Ich kann nicht „nebenbei“ zuhören. Ich kann nicht einfach irgendwo aufspringen und alles mitbekommen. Ich muss aktiv hinschauen. Lippen lesen. Körpersprache deuten. Kontext erraten. Und das alles gleichzeitig.
Während andere sich treiben lassen, arbeite ich die ganze Zeit.
Und das ist das, was viele nicht sehen.
Diese Momente kosten mich unglaublich viel Energie. Es ist nicht nur anstrengend – es ist überfordernd. Mein Kopf versucht, alles zusammenzusetzen. Wer spricht gerade? Worüber? Ist das wichtig für mich? Habe ich etwas verpasst? Wurde mein Name gesagt?
Und gleichzeitig läuft die Situation einfach weiter.
Und genau in diesen Momenten passiert etwas in mir:
Ich werde ruhiger. Beobachtender. Vorsichtiger.
Nicht, weil ich nichts zu sagen habe – sondern weil ich sicher sein will, dass ich richtig liege.
Und das begleitet mich auch danach.
Weil ich vieles im Moment nicht vollständig greifen kann, beginnt danach die eigentliche Verarbeitung. Ich gehe Situationen im Kopf nochmal durch. Versuche, sie zu rekonstruieren. Frage mich, ob ich etwas falsch verstanden habe. Ob ich hätte reagieren sollen. Ob jemand vielleicht etwas gesagt hat, was ich nicht richtig eingeordnet habe.
Und das Verrückte ist:
Ich habe mir lange eingeredet, dass das alles „normal“ ist.
Dass es selbstverständlich ist, dass ich mehr Energie aufbringen muss.
Dass es selbstverständlich ist, dass ich Dinge erst später verstehe.
Dass es selbstverständlich ist, dass ich mich anpassen muss.
Vielleicht habe ich das zu selbstverständlich genommen.
Weil die Realität ist:
Das ist nicht selbstverständlich. Das ist eine zusätzliche Leistung. Jeden Tag. In jeder Gruppensituation. Und genau daraus entstehen auch meine Reaktionen – oder manchmal eben meine Nicht-Reaktionen.
Ich habe oft Situationen erlebt, in denen ich nicht sicher war, ob ich alles richtig verstanden habe. Und diese Unsicherheit hat mich geprägt. Schon seit meiner Schulzeit. Ich habe gelernt, lieber ruhig zu bleiben. Erst zu beobachten. Erst zu reflektieren. Und dann – vielleicht – etwas zu sagen.
Aber das hat auch eine Kehrseite.
Denn während ich still bin, passiert die Situation weiter. Menschen reden weiter. Dinge werden gesagt. Grenzen werden vielleicht überschritten. Und ich sitze da und denke:
„Soll ich jetzt was sagen?“
„Was, wenn ich es falsch verstanden habe?“
„Was, wenn ich reagiere – und es war gar nicht so gemeint?“
Diese Angst, etwas falsch zu interpretieren, ist real. Und sie hält mich manchmal zurück.
Ich weiß, dass ich in manchen Momenten hätte aufstehen können und sagen können:
„Stopp. Das geht zu weit.“
„Das ist meine Grenze.“
Aber ich habe es nicht getan. Nicht, weil ich schwach bin. Sondern weil ich verantwortungsvoll sein wollte. Weil ich niemandem Unrecht tun wollte. Weil ich sicher sein wollte.
Und ja – im Nachhinein, wenn ich die Szenen sehe, denke ich manchmal:
„Da hättest du was sagen sollen.“
Aber gleichzeitig weiß ich auch:
Ich habe in diesem Moment das Beste aus meiner Perspektive heraus gemacht.
Und das ist okay.
Was ich aus dieser Reise mitnehme, ist kein perfektes Verhalten. Sondern Entwicklung.
Ich lerne gerade, meine Stimme mehr zu nutzen.
Ich lerne, dass es okay ist, auch mal unsicher zu sein.
Ich lerne, dass ich nicht jede Situation perfekt verstehen muss, um meine Grenzen zu setzen.
Und ich lerne, dass Veränderung nicht immer angenehm ist.
„Changes“ beschreibt genau dieses Gefühl. Dinge verändern sich. Menschen verändern sich. Situationen entwickeln sich weiter. Und manchmal fühlt man sich dabei verloren.
Aber genau in diesen Momenten wächst man. Ich habe auf dieser Reise nichts verloren.
Ich habe nur gewonnen. Erfahrungen. Erkenntnisse. Stärke.
Ich habe gelernt, dass Authentizität nicht bedeutet, perfekt zu sein.
Sondern echt zu sein. Auch in den schwierigen Momenten.
Dass es okay ist, anzuecken.
Dass es okay ist, Fragen aufzuwerfen.
Dass es okay ist, nicht immer sofort die richtige Reaktion zu haben.
Denn am Ende zählt nicht, wie laut du bist.
Sondern wie ehrlich du bist.
Ich bin stolz auf meinen Weg.
Ich bin stolz darauf, dass ich geblieben bin, wie ich bin.
Und ich bin dankbar für jede einzelne Erfahrung – auch für die, die wehgetan haben.
Denn genau die haben mich verändert.
Und genau das ist mein „Change“.
Ein weiterer wichtiger Teil dieser Reise war meine Haltung – und die hat sich nicht zufällig entwickelt. Ich habe mich bewusst damit auseinandergesetzt, wie ich auftreten will. Nicht nur vor der Kamera, sondern auch im Umgang mit Menschen, in Interviews und auf Social Media.
Gerade in den späteren Drehblöcken habe ich verstanden: Es geht nicht nur darum, was passiert – sondern wie ich damit umgehe. Welche Energie ich mitbringe. Wie ich reagiere, wenn Druck entsteht. Ob ich mich provozieren lasse oder bei mir bleibe.
Ich habe mich entschieden, bei mir zu bleiben.
Ruhig. Reflektiert. Klar.
Das war nicht immer leicht. Vor allem nicht in Interviewsituationen. Noch bevor es nach München ging, habe ich mich intensiv vorbereitet. Ich habe mir Gedanken gemacht: Welche Fragen könnten kommen? Wo könnte man mich herausfordern? Wie bleibe ich authentisch – ohne mich zu verstellen, aber auch ohne mich in etwas hineinziehen zu lassen, was nicht zu mir passt?
Diese Vorbereitung hat mir Sicherheit gegeben.
Und trotzdem gab es Momente, in denen ich gemerkt habe, wie schmal dieser Grat ist.
Zwischen:
- meine Geschichte erzählen
- mich zeigen
- mich präsentieren
und gleichzeitig nicht in etwas abzurutschen, das sich nicht mehr echt anfühlt.
Gerade auf Social Media wird dieser Balanceakt sichtbar. Ich will zeigen, wer ich bin. Meine Reise. Meine Perspektive. Aber ich will mich nicht verbiegen für Aufmerksamkeit. Nicht lauter sein als ich bin. Nicht dramatischer wirken, als es sich für mich anfühlt.
Dieser schmale Grat wurde auch im Interview spürbar – gerade in Momenten, in denen ich provoziert wurde. Fragen, die tiefer gehen. Fragen, die testen, ob man sich verliert oder bei sich bleibt.
Und genau da habe ich gemerkt:
Meine größte Stärke ist nicht, perfekt zu antworten.
Sondern ruhig zu bleiben.
Nicht jede Provokation anzunehmen.
Nicht alles zu kommentieren.
Nicht alles zu spielen.
Sondern bewusst zu entscheiden:
Was gehört zu mir – und was nicht.
Diese Haltung ist für mich ein Gewinn.
Weil sie mir zeigt, dass ich wachsen kann, ohne mich zu verlieren.
Dass ich sichtbar sein kann, ohne laut sein zu müssen.
Dass ich meine Geschichte erzählen kann – auf meine Art.
Und vielleicht ist genau das das Wichtigste, was ich aus dieser Reise mitnehme:
Ich muss nicht lauter werden, um gehört zu werden.
Ich muss nicht jemand anderes sein, um gesehen zu werden.
Ich muss einfach ich bleiben.
Und das ist meine Stärke.
Ein weiterer Teil meiner Geschichte, der eng damit verbunden ist, ist meine Persönlichkeit – und wie sie sich über die Jahre entwickelt hat. Wenn ich mich heute im TV sehe, ist das nicht nur ein Blick auf den Moment. Es ist auch ein Blick zurück.
Als Kind habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich war einfach ich.
Frei. Ungefiltert. Echt.
Doch mit der Zeit kamen Stimmen von außen.
Menschen, die gesagt haben, wie man sich verhalten soll. Was passt. Was nicht passt. Was „zu viel“ ist. Was „zu wenig“ ist.
Gerade als hörgeschädigte Person lernt man früh, sich anzupassen. Man beobachtet mehr. Man versucht, sich einzufügen. Man will nicht auffallen – oder zumindest nicht negativ auffallen.
Und so beginnt etwas, was viele vielleicht gar nicht bewusst wahrnehmen:
Man formt sich.
Für Akzeptanz.
Für Zugehörigkeit.
In der Schule, im Alltag – Kommentare, Blicke, kleine Bemerkungen. Wenn man „anders“ ist, bekommt man das gespürt. Und das macht etwas mit einem.
Psychisch. Emotional.
Man beginnt, sich selbst zu hinterfragen:
„Bin ich zu viel?“
„Bin ich falsch?“
„Warum bin ich anders?“
„Muss ich mich ändern, um akzeptiert zu werden?“
Auch meine Sexualität war und ist ein Thema.
Nicht zu laut sein.
Nicht zu auffällig.
Nicht „zu gay“.
Körpersprache, Stimme, Auftreten, Stil – alles wurde bewertet.
Im Sport, vor allem im Handball, habe ich zum Glück eine andere Seite erlebt. Mehr Akzeptanz. Mehr Miteinander. Das hat mir viel gegeben.
Aber ich kenne auch die andere Seite.
Als Mister Gay Germany – da kamen Kommentare. Vor allem online.
Und das ist nochmal eine ganz andere Dimension.
In der realen Welt hörst du etwas – und es ist vorbei.
Aber im Internet bleibt es. Es wiederholt sich. Es trifft dich immer wieder.
Und ich war 21.
Heute bin ich 31.
Und trotzdem merke ich: Manche Gedanken bleiben.
Wenn ich mich im TV sehe, bin ich manchmal kritisch:
„Warum war ich da so ruhig?“
„Warum habe ich nicht mehr gesagt?“
Aber gleichzeitig sehe ich auch die andere Seite.
Die Nachrichten. Die Unterstützung. Die Menschen, die sich verstanden fühlen.
Und das gibt mir Selbstvertrauen.
Das gibt mir Selbstbewusstsein.
Weiter meinen Weg zu gehen.
Auch wenn dieser kleine Gedanke im Hinterkopf manchmal noch da ist:
„Muss ich mich verstellen?“
Die Reise bei GNTM hat mir gezeigt: Nein.
Ich durfte ich sein.
In einem Umfeld, in dem ich mich wohlgefühlt habe. In dem ich gefördert wurde. In dem ich – trotz aller Herausforderungen – nicht das Gefühl hatte, mich komplett anpassen zu müssen.
Vor allem auch im Umgang mit Heidi Klum und den anderen – dieses 24/7 Zusammenleben hat mir gezeigt, dass Echtheit reicht.
Und vielleicht ist genau das der größte „Change“:
Dass ich gelernt habe, mich weniger zu hinterfragen –
und mehr zu akzeptieren.
So wie ich bin.
Ein Gedanke, der mich durch die gesamte Zeit bei GNTM begleitet hat, kommt von meiner Oma. Bevor die Reise überhaupt begonnen hat, hat sie mir etwas mitgegeben, das ich bis heute in mir trage:
Dass Authentizität und innere Haltung stärker sind als jede äußere Eigenschaft – besonders in der Öffentlichkeit. Dass echte Präsenz nicht daraus entsteht, laut zu sein oder perfekt zu wirken. Sondern daraus, bei sich zu bleiben.
Diese Worte waren für mich mehr als nur ein Rat. Sie waren mein Anker.
Gerade in einem Umfeld wie GNTM, wo so viel bewertet wird – Aussehen, Auftreten, Wirkung – war es für mich eine Herzensangelegenheit, genau daran festzuhalten:
Authentisch zu bleiben.
Nicht die Rolle zu spielen, die vielleicht erwartet wird.
Nicht lauter zu werden, nur um gesehen zu werden.
Sondern meine Geschichte zu erzählen.
Auf meine Art. Mit meiner Haltung.
Und ich glaube, genau das ist es, was am Ende wirklich bleibt.
Nicht Perfektion. Sondern Echtheit.
Und dazu gehört für mich auch ein ehrlicher Umgang mit meiner Präsenz auf Social Media.
Ja, es stimmt – ich habe mich freizügiger gezeigt. Bilder oben ohne, in Boxershorts oder im Handtuch.
Und ich möchte das an dieser Stelle nicht rechtfertigen.
Aber ich möchte erklären, was dahinter steckt.
Ich mache mir Gedanken darüber, was ich poste. Mehr, als man vielleicht denkt.
Natürlich kommt der Gedanke:
Was sagen andere dazu?
Ist das zu viel?
Kommt das falsch rüber?
Diese Fragen sind da.
Und gleichzeitig ist da auch ein anderer Teil in mir, der sagt:
Das bin ich.
Es ist ein Spannungsfeld.
Zwischen:
Mir ist es egal, was andere denken.
Und:
Ich weiß, dass ich gesehen werde.
Vor allem, wenn man im TV ist und plötzlich ein Millionenpublikum zuschaut, bekommt das Ganze eine ganz andere Dimension. Dann ist ein Post nicht mehr nur ein Post.
Er wird bewertet. Kommentiert. Eingeordnet.
Und trotzdem habe ich für mich entschieden:
Ich will mich nicht verstecken. Ich will mich zeigen – so wie ich mich fühle.
Nicht perfekt.
Nicht angepasst.
Sondern ehrlich.
Und auch das ist ein Teil meiner Reise.
Zu lernen, damit umzugehen.
Mit Blicken. Mit Meinungen. Mit Bewertungen.
Und trotzdem bei mir zu bleiben.