Ein neuer Lebensabschnitt in Österreich

Es ist Winter in Deutschland, und das Land befindet sich im harten Lockdown. Doch hier sitze ich auf einem Boot, umgeben von Sonne und warmem Wind. Mein Körper ist noch nass vom Wasser, während eine sanfte Brise meine Haut trocknet. Neben mir sitzt ein Mann, wir sprechen miteinander – und während die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint, habe ich das Gefühl, als würde mir das Leben gerade ein neues Kapitel zuflüstern

… whoa, whoa, whoa! Ein neues Kapitel… Moment – was soll das heißen? Ein Heiratsantrag?!

Nein. Haha, so war das nicht gemeint. Ich bin noch Single – also noch zu haben.

Januar 2021. In Berlin und in ganz Deutschland herrscht ein harter Lockdown. Es ist kalt, nass und alles hat geschlossen. Gefühlt habe ich bereits 300 Stunden Serien und Filme auf Netflix geschaut. Statt täglich meine 20.000 Schritte zu laufen, zeigt mein Fitbit gerade einmal 500 Schritte pro Woche an.

Mein Alltag? Vom Bett zur Toilette, wieder ins Bett. Dann kurz zum Supermarkt und zurück ins Bett. Wieder zur Toilette. Wieder ins Bett. Und so weiter.

Ehrlich gesagt: Es ist deprimierend.

Mein Tages- und Schlafrhythmus ist komplett zerstört. Ich schlafe erst ein, wenn ich nach zwanzig Stunden endlich müde genug bin – meistens gegen vier Uhr morgens. Und dann? Weckt mich mein Körper schon wieder um neun Uhr.

Was zum…?

Neun Uhr? Nach nur fünf Stunden Schlaf? Come on…

Ich schaue aus dem Fenster. Alles wirkt grau, trist und leblos.
Laufen gehen? Ach, mache ich morgen… Zum fünfzehnten Mal verschoben.

Diagnose: Aufschieberitis.

Ich nehme mein Handy in die Hand und öffne Instagram. Neue Posts. Bilder aus Dubai. Dubai. Mexiko. Dubai. Mexiko. Gran Canaria.

Eigentlich nichts Besonderes – aber mein Kopf beginnt sofort zu arbeiten. Ein bisschen Routine ist bei mir noch vorhanden: die tiefe Recherche.

tipp, tipp, tipp…
„Berlin – Gran Canaria Flug“.

Die Seite lädt.

Und plötzlich kommt mir selbst die 5G-Geschwindigkeit langsam vor. Wahrscheinlich, weil die Zeit sich im Lockdown so zäh anfühlt.

Dann erscheinen die Ergebnisse.

Wow. Die Preise sind wirklich gut.

Also schaue ich mir die aktuellen Corona-Bestimmungen an, informiere mich über die Lage im Ausland, lese Erfahrungsberichte. Es klingt alles vielversprechend.

Und dann passiert es.

Ich buche.

PCR-Testtermin vereinbart.
Koffer gepackt.
Morgen früh geht es vom BER los.


Oh shit! Ich habe verschlafen.

Schnell ein Car-to-Go gebucht und los zum Flughafen Berlin-Brandenburg. Als ich dort ankomme, wirkt alles ungewohnt ruhig. Fast surreal für einen Flughafen.

Aber ehrlich gesagt gefällt mir diese Ruhe. Kein Stress, keine Menschenmassen. Ich komme entspannt durch den Check-in und sitze wenig später am Gate.

Ich fliege nach Gran Canaria.

Sonne. Atlantik. Essen. Kultur. Shopping.
Ein Stück Lebensgefühl.

Der Flug vergeht schnell. Ich schlafe fast die ganze Zeit. Wahrscheinlich musste mein Gehirn erst einmal alles verarbeiten – die spontane Entscheidung, die Fahrt zum Flughafen, die wenigen Begegnungen im Terminal. Nach Wochen der Isolation fühlte sich selbst dieser kleine Alltagstrubel fast überfordernd an.

Dann kommt die Durchsage:

„Willkommen in Las Palmas de Gran Canaria.“


Das Wetter ist traumhaft. Und ich genieße die Zeit auf Gran Canaria ohne festen Rückflug.

Diesmal habe ich mir für zwei Wochen ein Auto gemietet. Endlich unabhängig vom Bus – einfach losfahren, wann und wohin ich möchte.

Der einzige Nachteil: Ich muss selbst fahren. Und die Strecken sind nicht ohne. Eine Fahrt vom Süden der Insel in die Berge kann locker zwei Stunden dauern – obwohl es in der Luftlinie nur zwanzig Kilometer sind.

Aber es lohnt sich.

Ich besuche wieder Orte, die ich liebe: Puerto de Mogán, Telde, Las Palmas.
Und ich entdecke neue Highlights – zum Beispiel die unglaublichen Farbschattierungen der Felswand Fuente de los Azulejos, kleine Bergdörfer und versteckte Aussichtspunkte.

Nach zwei Wochen buchen Freunde und ich eine Bootstour. Die Freunde kenne ich aus Köln – zufällig sind sie zur gleichen Zeit auf der Insel. Perfekt, denn so wird mir nie langweilig.

Auf dem Boot lerne ich neue Menschen kennen. Einer von ihnen kommt aus Wien und arbeitet bei Peek & Cloppenburg. Wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle ihm von meiner Vision, irgendwann bei Tommy Hilfiger Karriere zu machen.

Er erzählt mir wiederum vom dualen Studium bei Peek & Cloppenburg.

Und plötzlich ist da eine neue Idee.

Ein Plan B.

Falls Plan A mit Tommy Hilfiger nicht funktionieren sollte.

Noch auf der Insel bewerbe ich mich bei Peek & Cloppenburg Österreich.


Die Zeit auf Gran Canaria vergeht viel zu schnell.
Dann geht es zurück nach Deutschland.

Und dort warten gleich zwei große Nachrichten auf mich.

Die erste:
Tommy Hilfiger nimmt mich an. Ausbildung zum Handelsfachwirt.

Die zweite:
Der Flagship-Store am Hackeschen Markt schließt.

Das trifft mich hart. Der Store war wunderschön. Das Team großartig. Ich habe mich dort wirklich wohlgefühlt.

Also heißt es: Kisten packen und den Laden ausräumen. Einen ganzen Monat dauert es, bis der Store komplett leer ist.

Trotzdem freue ich mich auf den neuen Store am Ku’damm, der gerade umgebaut wird. Wegen Corona verzögert sich alles, aber immerhin bin ich weiterhin angestellt und bekomme Kurzarbeitergeld.

Der neue Store soll im Juli eröffnen.

Und genau in dieser Zeit bekomme ich eine Rückmeldung von Peek & Cloppenburg.

Mehrere Bewerbungsrunden folgen – Gespräche, Tests. Alles online.

Die Vorstellung eines neuen Lebens in Österreich begeistert mich sofort.

Noch bevor ich eine offizielle Zusage bekomme, fahre ich für einen Tag nach Innsbruck. Dort treffe ich das Team und die Geschäftsführung.

Und ich merke sofort:

Diese Stadt fühlt sich richtig an.

Überschaubar. Natur überall. Die Berge direkt vor der Tür. Es erinnert mich ein bisschen an meine Heimat Neubrandenburg – nur eben in den Alpen.

Kurz darauf kommt die Zusage.


Doch dann klingelt mein Telefon.

Tommy Hilfiger.

Sie wollen wissen, wann ich verfügbar bin, weil der neue Store bald eröffnet und ein intensiver Vorbereitungsmonat bevorsteht.

Ein mulmiges Gefühl macht sich in meinem Bauch breit.

Am nächsten Tag spreche ich mit meinem Storemanager.

Und treffe eine Entscheidung.

Ich sage die Ausbildung ab.

Stattdessen werde ich in Innsbruck bei Peek & Cloppenburg ein duales Studium beginnen.

Es fühlt sich bittersüß an.

Bis Ende Juli unterstütze ich trotzdem noch das Team am Ku’damm.

Dann beginnt ein neues Kapitel.


Der Umzug nach Innsbruck passiert ziemlich schnell. Viel Zeit bleibt nicht.

Ich lasse vieles in Berlin zurück und fahre mit nur vier großen Umzugskisten nach Österreich. Meine Berliner Wohnung behalte ich vorsichtshalber. Man weiß ja nie, wie sich alles entwickelt.

In Innsbruck finde ich schnell Anschluss. Auch eine wunderschöne Wohnung – hell, modern und perfekt gelegen.

Das Beste an Innsbruck:
Alles ist fußläufig erreichbar. Und in wenigen Minuten ist man mitten in der Natur.

Sogar ein neues Handballteam finde ich.
Ich spiele wieder Torwart – bei Handball Tirol in der HLA Challenge, der zweithöchsten Liga Österreichs.

Ein perfekter Ausgleich zum Studium und zur Arbeit.

Mein Studium absolviere ich online an der SRH-Hochschule. Dadurch kann ich mir meine Zeit flexibel einteilen.

Und ja – ich studiere Wirtschaftspsychologie.

Eine spannende Mischung aus Psychologie und Wirtschaft.


Mittlerweile sind sechs Monate vergangen.

Die Arbeit bei Peek & Cloppenburg macht mir unglaublich viel Spaß. Auch das Studium läuft gut. Aktuell bin ich im vorletzten Modul. Bis Februar 2022 muss ich fünf Module abgeschlossen haben.

Ich bin zuversichtlich.

Selbstmanagement und Zeitmanagement werden gerade meine wichtigsten Fähigkeiten.

Einige Themen fallen mir leicht, andere sind echte Herausforderungen. Aber genau das macht es ja spannend.

Wer liebt es nicht, sich neuen Herausforderungen zu stellen?


Jetzt heißt es für mich erst einmal:

Meine Einsendeaufgaben zu Ende schreiben.

Und gespannt bleiben, welche Kapitel das Leben als nächstes für mich bereithält.

Ich halte euch auf dem Laufenden.

Euer Tony

Innsbruck, 19.01.2022