POV: Du liest Kommentare über dich
Wann wurde das normal?
26.04.2026
Wenn Worte treffen – und was sie mit mir gemacht haben
Gerade jetzt – durch und während Germany’s Next Topmodel gibt es diesen Moment wieder. Du öffnest dein Handy, liest Kommentare über dich und plötzlich bleibt etwas hängen. Nicht alles, aber einzelne Worte.
Diesmal ist es anders. Du bist nicht nur sichtbar, du bist vor einem Millionenpublikum sichtbar. Und gleichzeitig roh, ungefiltert und jederzeit erreichbar auf Plattformen wie Instagram, Facebook oder TikTok. Jeder kann kommentieren, jeder kann bewerten, jeder kann in Sekunden etwas schreiben ohne Pause, ohne Kontext, ohne wirklich zu wissen, wer du bist.
Und genau da passiert etwas.
Denn zwischen einem kurzen Kommentar und der Wirkung, die er haben kann, liegt oft mehr, als man denkt.
„Schrecklich.“ „Lächerlich.“ „Was soll das sein?“ „WTF?“
Und manchmal sind es nicht nur solche Kommentare. Manchmal gehen sie weiter, tiefer, persönlicher. Worte, die nicht mehr kritisieren, sondern bewusst verletzen sollen. In solchen Momenten frage ich mich ehrlich: Wann ist das normal geworden?
Ich bekomme viele Nachrichten, viele Meinungen und ja, auch viele negative Kommentare. Und ich will das gar nicht kleinreden. Kritik gehört dazu, gerade wenn man sich zeigt, gerade wenn man sichtbar ist. Aber was mich beschäftigt, ist nicht die Kritik an sich, sondern die Art, wie sie oft geäußert wird. Denn zwischen „Ich sehe das anders“ und „Du bist lächerlich“ liegen Welten. Und genau in dieser Lücke passiert etwas.
Mit 21 hat mich das getroffen – mehr als ich zugeben wollte
Ich kenne dieses Gefühl nicht erst seit heute. Mit 21, als ich Mister Gay Germany geworden bin, war ich plötzlich sichtbar – und gleichzeitig extrem angreifbar. Ich war jünger, ungefilterter und ehrlicherweise auch unsicherer, als ich es nach außen gezeigt habe. Ich habe Kommentare gelesen, und sie haben etwas mit mir gemacht. Auch wenn ich mir eingeredet habe, dass sie mir egal sind. Auch wenn ich nach außen ruhig geblieben bin. Innerlich war das nicht immer so.
Manche Worte haben sich festgesetzt. Nicht laut, nicht sofort – aber leise. Sie haben Zweifel ausgelöst, Gedanken, die ich vorher nicht hatte. Ein ständiges Hinterfragen: Bin ich wirklich so, wie die sagen? Sehen mich alle so? Reicht das, was ich bin? Ich habe damals nicht darüber gesprochen. Weil man stark sein will. Weil man funktionieren will. Weil man denkt, man muss damit alleine klarkommen. Aber die Wahrheit ist: Es hat mich getroffen.
Mit 31 gehe ich anders damit um, aber es berührt mich immer noch
Heute bin ich 31. Ich bin reflektierter, gefestigter, ich kenne mich besser. Ich weiß, wer ich bin und vielleicht noch wichtiger: wer ich nicht bin. Und trotzdem wäre es gelogen zu sagen, dass mich solche Dinge gar nicht mehr berühren. Sie tun es, nur anders. Sie bringen mich nicht mehr ins Wanken, aber sie bringen mich zum Nachdenken. Nicht über mich, sondern über das, was wir miteinander machen.
Denn was viele vergessen: Hinter jedem Profil steht ein Mensch. Nicht nur eine Performance, nicht nur ein TV-Ausschnitt, nicht nur ein Moment, der gesendet wurde. Ein Mensch mit Gedanken, Gefühlen und einer Geschichte.
„Fake“ oder einfach nur menschlich?
Ein Vorwurf, der immer wieder kommt, ist „fake“. Oder Menschen, die behaupten, mich zu kennen und genau zu wissen, wie ich „wirklich“ bin. Und ich verstehe, woher das kommt. Im Fernsehen sieht man Ausschnitte, zusammengeschnittene Szenen, ausgewählte Momente. Aber das ist nicht die ganze Realität – es ist eine Perspektive.
Und kein Mensch ist in jeder Situation gleich. Wir alle passen uns an – an Menschen, an Situationen, an den Moment. Du bist nicht derselbe Mensch mit deinen Freunden wie in einem wichtigen Gespräch oder vor einer Kamera. Und ich auch nicht. Das ist keine Fassade. Das ist menschlich.
Psychologisch gesehen ist das sogar völlig normal. Menschen haben verschiedene Rollen, verschiedene Facetten. Das macht uns nicht unecht, sondern vollständig
Was ich mir wünsche
Es geht mir bei all dem nicht darum, Kritik zu verbieten oder dass alle mich verstehen müssen. Es geht mir um etwas anderes: um die Art, wie wir miteinander umgehen. Meinungen sind wichtig, unterschiedliche Sichtweisen auch. Aber sie sollten respektvoll bleiben. Ehrlich – ohne verletzend zu sein. Direkt – ohne unter die Gürtellinie zu gehen.
Denn Worte haben Gewicht. Auch dann, wenn sie nur getippt werden. Und wir wissen nie, was sie in einem anderen Menschen auslösen.
Am Ende sind wir alle einfach Menschen
Ich stehe hier, ich zeige mich – mit allem, was dazugehört. Aber ich bin kein Ausschnitt, kein Kommentar, keine Meinung. Ich bin ein Mensch.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, den wir wieder mehr sehen sollten – nicht nur bei mir, sondern bei allen: mehr Empathie, mehr Bewusstsein, mehr Menschlichkeit.
Denn am Ende sind wir alle einfach Menschen.