Pride ist wichtiger denn je
27.07.2026
Was gestern passiert ist, betrifft nicht nur die LGBTQIA+ Community. Es betrifft unsere gesamte Gesellschaft. Denn eine Demokratie beweist ihre Stärke nicht darin, wie sie mit der Mehrheit umgeht. Sie beweist sie darin, wie sie ihre Minderheiten schützt. Wenn Menschen Angst haben müssen, friedlich für ihre Rechte auf die Straße zu gehen, dann ist das kein Problem einer Community – sondern ein Problem unseres Rechtsstaates.
Gestern war ich selbst beim CSD in Berlin und für mich ist und war Pride schon immer mehr als eine Parade. Pride ist ein Ort, an dem Menschen für ein paar Stunden das Gefühl haben, einfach sie selbst sein zu dürfen. Ein Ort voller Musik, Lachen, Umarmungen und Hoffnung. Hunderttausende Menschen: queere Menschen, Familien, Freundinnen und Freunde, Allies, alle kamen zusammen, um gemeinsam ein Zeichen für Liebe, Freiheit und Vielfalt zu setzen.
Und dann änderte sich innerhalb weniger Augenblicke alles.
Was eben noch ein Tag voller Freude war, wurde zu Schock, Angst und tiefer Trauer. Niemand rechnet damit, dass ein friedlicher Demonstrationstag plötzlich von einem solchen Ereignis überschattet wird.
Ich bin unendlich dankbar, dass ich heute wieder zu Hause bin. Gleichzeitig fühlt sich diese Dankbarkeit schwer an, weil andere dieses Glück nicht hatten. Denn meine Gedanken sind bei den Angehörigen des Todesopfers, bei den Verletzten und bei allen, die diesen Moment miterleben mussten. Ihnen gilt heute unser Mitgefühl.
Doch seit gestern geht mir eine andere Frage nicht mehr aus dem Kopf:
Wie viel Hass muss ein Mensch in sich tragen, um ausgerechnet eine friedliche Demonstration anzugreifen, auf der Menschen nichts anderes fordern als Respekt, Gleich-berechtigung und die Freiheit, sie selbst sein zu dürfen?
Mindestens genauso sprachlos machen mich allerdings die Reaktionen danach, denn noch während Menschen trauern, tauchen Kommentare auf wie:
„Selbst schuld.“, „Deshalb sollte es Pride gar nicht geben.“, „Ihr provoziert das doch.“, „Dann bleibt doch einfach zu Hause.“, „Hört auf, eure Sexualität überall zur Schau zu stellen.“, „Das ist die Quittung.“, „Braucht ihr Pride jetzt immer noch?“ oder „Seid doch einfach nicht so sichtbar.“
Genau diese Reaktionen zeigen, warum Pride auch heute noch notwendig ist.
Pride ist keine Party. Pride ist Protest. Pride ist Sichtbarkeit. Pride ist Erinnerung daran, dass Rechte nie selbstverständlich sind. Und Pride ist das Versprechen, sich nicht wieder unsichtbar machen zu lassen.
Mich macht aber noch etwas anderes nachdenklich und ehrlich gesagt bin ich auch wütend. Seit Monaten wird der gesellschaftliche Ton rauer. Nicht nur im Netz, sondern auch in politischen Debatten. Die Rechte von trans Menschen werden immer häufiger infrage gestellt. Queere Menschen werden wieder häufiger zum politischen Streitthema gemacht, anstatt selbstverständlich als Teil unserer Gesellschaft gesehen zu werden.
Gleichzeitig werden Fördermittel und Gelder für NGO‘s, Beratungsstellen, Bildungsprojekte und Vereine gekürzt oder infrage gestellt, obwohl genau da diese Einrichtungen täglich Präventionsarbeit leisten, Menschen unterstützen und sogar Extremismus entgegenwirken.
Auch Menschen mit Behinderungen erleben noch immer, dass Barrierefreiheit, Teilhabe und Inklusion oft nicht als Selbstverständlichkeit behandelt werden, sondern als Kostenfaktor oder nachrangiges Thema.
Und genau hier beginnt meine eigentliche Kritik.
Nach jeder Tragödie hören wir dieselben Worte: Betroffenheit. Solidarität. Zusammenhalt. Aber Solidarität zeigt sich nicht an Pressekonferenzen oder Regenbogenflaggen für ein paar Tage. Denn sie zeigt sich in politischen Entscheidungen. Sie zeigt sich auch darin, ob Minderheiten dauerhaft geschützt werden. Ob Beratungs- angebote bestehen bleiben. Ob Hasskriminalität konsequent verfolgt wird. Ob Prävention wichtiger ist als spätere Betroffenheit. Mitgefühl nach einer Tragödie ist wichtig. Aber was noch wichtiger ist, vorher alles dafür zu tun, dass solche Taten gar nicht erst möglich werden und genauso wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit in einer anderen Debatte.
Ein CSD ist keine Demonstration für eine Partei und er ist auch keine Demonstration für eine bestimmte Migrationspolitik.
Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Ansichten gehen dort gemeinsam auf die Straße. Was sie verbindet, ist nicht ihre Parteizugehörigkeit, sondern die Überzeugung, dass jeder Mensch frei und sicher leben sollte.
Trotzdem hat mich etwas beschäftigt. Nach dem Anschlag habe ich viele Kommentare gelesen – voller Angst, Wut und Unsicherheit. Diese Emotionen einfach abzutun, hilft genauso wenig wie sie für politische Stimmungsmache zu nutzen.
Migration ist nicht automatisch eine Gefahr. Gleichzeitig beeinflussen Integration, Sicherheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt natürlich auch, wie Zuwanderung gestaltet wird. Wer in Deutschland lebt, muss das Grundgesetz, die Gleichberechtigung von Frauen, die Rechte queerer Menschen und unsere demokratischen Werte respektieren.
Die große Mehrheit der Geflüchteten wird niemals eine solche Tat begehen. Trotzdem dürfen wir reale Sicherheitsprobleme weder verschweigen noch daraus eine Kollektivschuld ableiten. Beides spaltet unsere Gesellschaft.
Eine Demokratie muss beides schaffen: Minderheiten konsequent schützen und Probleme offen benennen.
Das erwarte ich von der Politik und das dürfen wir auch als Gesellschaft voneinander erwarten.
Was mich aber am meisten beschäftigt, ist eine andere Frage:
Warum wachen wir immer erst dann auf, wenn bereits etwas Schreckliches passiert ist? Warum diskutieren wir über den Schutz von Minderheiten oft erst dann ernsthaft, wenn Menschen verletzt werden oder sogar ihr Leben verlieren? Warum reagieren wir so häufig erst auf Gewalt, statt alles dafür zu tun, dass sie gar nicht erst entsteht?
Denn Gewalt beginnt nicht erst mit einer Tat, sondern sie beginnt dort, wo Menschen entmenschlicht werden.
Wo Hass normal wird, wo Vorurteile lauter werden als Fakten, und wo Menschen immer wieder erklären müssen, warum sie dieselben Rechte verdienen wie alle anderen.
Trotz allem nehme ich von gestern auch etwas mit.
Ich habe Hunderttausende Menschen erlebt, die füreinander eingestanden sind. Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen. Menschen, die gezeigt haben, dass Zusammenhalt stärker sein kann als Angst.
Lassen wir nicht zu, dass dieser Tag nur als weitere Schlagzeile in Erinnerung bleibt.
Machen wir ihn zu einem Wendepunkt. Für mehr Menschlichkeit. Für mehr Verantwortung. Für eine Politik, die Minderheiten schützt, bevor etwas passiert und nicht erst danach. Und für eine Demokratie, die ihre Werte nicht nur predigt, sondern jeden Tag lebt.